360 ° I: Was bleibt?
von Tana Onochie
Das 360-Grad-Format des CircusDanceFestivals ist ein besonderes: Innerhalb einer Stunde vier etwa zehnminütige Stücke zu sehen zwei Solo- und zwei Duo-Arbeiten. Nicht zu lang, nicht zu kurz. Hier muss man sich nicht durch einen ganzen Abend „durcharbeiten“, sondern bekommt schnell verschiedene Handschriften, Atmosphären und Körperlichkeiten mit. Das gibt dem Abend eine Lebendigkeit, eine Offenheit. Es geht weniger darum, komplett in eine Arbeit einzutauchen, sondern viele unterschiedliche Ansätze nebeneinander wahrzunehmen – und darum, mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben.
Dabei hat auch die räumliche Situation einen großen Einfluss: Die runde Bühne, das Publikum außen herum verteilt: Durch dieses Setting schaut man nicht nur auf die Performance, sondern immer auch auf die anderen Zuschauer:innen. Man merkt, wie unterschiedlich sie reagieren, wie sie ihre Blicke wandern lassen oder wie sich Aufmerksamkeit verschiebt. So auch am ersten Abend: Besonders beim ersten Stück von der Artistin Shu-Huan Chang reagieren die Kinder stark auf das Clowneske der Artistin. Sie lachen immer wieder, verfolgen die Bewegungen mit großer Aufmerksamkeit. Dieses direkte Mitgehen hat sofort etwas Leichtes und Spielerisches in den Raum gebracht.
Insgesamt bleiben von dem 360-Grad-Format weniger ganze Dramaturgien als einzelne Bilder: Bei der Jongleurin Liza Van Brakel ist es vor allem diese eine Keule. Gerade die Reduktion auf so wenig Material hat erstaunlich viel Bewegung erzeugt. Auch ihre Bewegungen haben einen ruhigen Flow, grenzen sich von der klassischen Jonglage ab, weil sie nicht zu „viel auf einmal“ wollten. Getragen wird das Stück vor allem durch ihre Präsenz und den Rhythmus ihrer Bewegungen.
Bei der Kurzversion von „Still Dwelling“ von Johanna Gorzellik ist vor allem die Spannung zwischen Fragilität und Stärke beeindruckend. Nichts daran ist eindeutig oder wird komplett aufgelöst und doch erlebt man die Spannung selbst fast physisch: Der ganze Körper steht unter Strom.
Die vielleicht spannendste Performance ist aber die des Duos der Compagnie Cirk Oblique mit den Performerinnen Marie Mercadal und Sophie Lombard. Besonders eindrucksvoll ist etwa das Bild, wie Sophie Lombard sich im Rollstuhl immer weiter nach oben bewegt, während alle Blicke auf sie gerichtet sind. Ein unglaublich kraftvoller Moment.
Gleichzeitig stellt die Performance wichtige Fragen, die in der Zirkusszene mehr diskutiert werden sollten: Wie kann auf der Bühne Gleichwertigkeit entstehen, wenn der Maßstab von Zirkus oft noch immer ein abled, hochtrainierter Körper ist? Wie lässt sich Wertschätzung nicht nur behaupten, sondern tatsächlich teilen und sichtbar machen?
Einige Momente sorgen deshalb auch für Irritation. Das Schlussbild etwa, in dem Marie Mercadal auf dem Rollstuhl steht und dadurch körperlich über Sophie Lombard erhöht ist. Oder eine andere Szene, in der sie selbst im Rollstuhl sitzt und ihn bewegt. Diese Momente haben etwas Ambivalentes. Einerseits geht es sichtbar um Nähe, Vertrauen und Zusammenarbeit. Andererseits fühlt es sich stellenweise auch wie ein Eindringen in einen sehr persönlichen Raum an. Der Rollstuhl wirkt hier eben nicht wie ein neutrales Objekt oder eine Requisite, sondern als Teil des Körpers und der alltäglichen Bewegung der Person, die ihn nutzt.
Das Stück löstFragen nach Unterstützung, Abhängigkeit, Machtverhältnissen und Gleichwertigkeit nicht einfach auf, es lässt sie offen. Vielleicht passt es auch deswegen so gut zu diesem ganzen Abend: Es bleiben weniger fertige Aussagen als Bilder, Spannungen und Fragen. Gerade die Kürze der Arbeiten verstärkt dieses Gefühl. Die Stücke müssen nicht alles erklären oder komplett abschließen. Sie haben eher Zustände geöffnet, die danach weiterarbeiten. Und genau deshalb hat das Format so gut funktioniert.
