Arme, Tentakel, Äste, Weinreben

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Arme, Tentakel, Äste, Weinreben

Das Groteske und die Kunst von Alexander Vantournhout

Ein Interview von Franziska Trapp

Im Theater CC De Spil in Roeselare, Belgien, bilden sechs Reihen weißen Tanzbodens die Form eines Rechtecks, dessen kurze Seite nach vorne zeigt, wodurch die Tiefe der Bühne unterstrichen wird. Während die Umgebung in Schwarz gehalten ist, kreiert ein gelbliches Licht eine warme Atmosphäre. In völliger Stille betreten zwei hochgewachsene Darsteller – Oberkörper nackt und gelb-beige Shorts tragend – den Aufführungsraum. Sie bleiben an der rechten Seite der Bühne stehen und positionieren ihren jeweils linken Fuß in der Diagonalen parallel zueinander. Ein Blick auf die Füße, ein Blick in die Augen. Positionswechsel. Nun bilden die Arme einer Linie. Ein Blick auf die Hände - welcher Arm ist länger? Ein Blick auf die Schultern. Sind sie auf gleicher Höhe? Langsam heben die Performer die Arme, beugen die Ellenbogen und wagen einen vorsichtigen Blick: Sind die Unterarme unterschiedlich lang?

Through the Grapevine (2020) ist die siebte Performance des belgischen Künstlers Alexander Vantournhout. Fünfzig Minuten lang erkunden zwei Performer, Alexander Vantournhout und Axel Guérin, die Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Proportionen ihrer Körper und ihrer physischen Kraft. In ständigem Körperkontakt positionieren sie Teile ihrer Körper, verschränken ihre Arme und Beine, vereinen ihre Oberkörper, um Gleichgewicht herzustellen, und verknoten ihre Gliedmaßen. So entsteht “ein wuchernder Raum, voller Knoten, die sich ablagern und wiederum neue Knoten, Netze und Verkehrswege bilden”1. Die Schönheit der Erscheinung dieser ephemeren Körperskulpturen, die Zersetzung, Verrohung und Wiederholung von (einfachen) Körperbewegungen und das Spiel der Übertreibung und Dekonstruktion von Körperproportionen versetzt Zuschauer:innen ins Staunen. Gleichzeitig wird Lachen (und manchmal auch Aversion) als Reaktion auf die verschlungenen Körper erzeugt, die sich jeder auf menschliche Züge beschränkten Erscheinung widersetzen. Insekten, Kreaturen, Tentakel, Äste, (Wein-)Reben (!) - trotz ihrer puristischen Form erschafft die Performance einen komplexen fiktionalen Kosmos, den man als GROTESQUE beschreiben könnte.

Im Rahmen dieser vierten Ausgabe von VOICES möchte ich dazu einladen in Through the Grapevine und die Ausführungen von Alexander Vantournhout einzutauchen, den ich im Februar 2023 in Brüssel zu einem Interview getroffen habe.

Aneckxander (2015), Raphael (2017), La Rose en Céramique (2018), Redhaired Men (2018), Screws (2019), Through the Grapevine (2020), Snakearms (2021), Contre-jour (2021) und VanThorhout (2022) ... Das kreative, kinetische Potential der physischen Begrenzung, das Spiel mit hyperbolischen Proportionen, die Subversion von gängigen Bewegungen - all diese Themen ziehen sich durch dein gesamtes Oeuvre. Mit jedem neuen Stück scheinst du etwas tiefer hineinzutauchen. Worin besteht dein Interesse an diesen Themen?

Ich interessiere mich für das Außergewöhnliche, für alles, was ein bisschen schräg ist, und dabei ist es mir sehr wichtig, dass sich die Zuschauer:innen nicht völlig verirren. Trotz der Subversion und der Twists möchte ich, dass mein Publikum die Möglichkeit hat, sich emphatisch zu verbinden. Deshalb suche ich nach Dingen, mit denen ich mich als Zuschauer:in potentiell verbinden kann. Through the Grapevine beginnt sehr einfach. Der Fokus der ersten 10 Minuten liegt auf der Suche nach symmetrischen Bewegungen, die sehr leicht durchführbar und damit nachvollziehbar sind. So kann zumindest zu Beginn der Aufführung jeder einen Einstieg finden. Und es gefällt mir, dass die Leute die Möglichkeit haben, sich in unseren Körpern zu sehen: “Ist mein Körper dem von Alexander ähnlicher oder gleichen meine Proportionen stärker denen von Axel, dem zweiten Performer auf der Bühne?” Der Akt des Wiedererkennens hat etwas Komisches. Wenn man sich selbst in jemand anderem sieht, wird man oft zum Lachen gebracht.

Was war die Hauptinspiration für Through the Grapevine? Beobachtungen aus dem täglichen Leben? Andere Kunstwerke? Die Bewegung des eigenen Körpers?

Bei Through the Grapevine habe ich mich sehr für Proportionen und ihre Relationen interessiert. Wenn man sich unseren Alltag genauer anschaut, merkt man, wie sehr diese heutzutage auf dem Spiel stehen. Als ich noch jünger war, wollte ich Profifußballer werden. Meine Körperproportionen wären für dieses Ziel grundsätzlich geeignet gewesen – noch passender jedoch für eine Profikarriere im Judo, eine Sportart, in der ich in meiner Kindheit ebenfalls aktiv war. Man kann sehen: Solche Entscheidungen sind nicht nur von unserer Leidenschaft abhängig, sondern von unseren Körperproportionen. Ein weiterer Aspekt, der in Bezug auf Axel und mich sehr interessant ist, ist, dass er mich in einem Boxkampf immer besiegen würde, egal wie gut meine technischen Fähigkeiten sind. Er ist nur zehn Zentimeter größer als ich. Dies reicht aus, um mich mit einem Schlag zu treffen, während ich nicht einmal, an ihn heranreichen würde. Darüber hinaus spielen Proportionen mit Blick auf Gleichberechtigung eine wichtige Rolle. Ich bin groß, ich kann das Geschehen bei Konzerten, Aufführungen oder auf der Straße normalerweise leicht überblicken. Wenn man aber kleiner ist, ist man an mancher Stelle einfach (unbewusst) ausgeschlossen. Heutzutage werden Körperproportionen auch dazu genutzt, um Menschen von Weitem zu erkennen - zum Beispiel in Flughäfen. Hier werden nicht mehr nur Gesichtserkennung oder Fingerabdrücke verwendet, sondern auch die Gangart gescannt. Mit bestimmten Proportionen läuft man auf eine bestimmte Art und Weise. Und so wird man durch das individuelle Laufmuster erkennbar.

In der Schule lernen wir jeden kleinen Muskel kennen. Wir können sie sogar auf Lateinisch benennen. Aber wir lernen nicht, woraus unser Körper besteht, wie er individuell zusammengesetzt ist. "Ah, ich habe längere Arme als andere Leute." Dieses Wissen ist sehr wichtig, nicht nur bei Verletzungen. Es führt zu interessanten Fragen: Was macht einen Körper zu einem Körper? Wie äußert sich Individualität in der Bewegung?

Wir haben darüber gesprochen, wie deine Beobachtungen der Gesellschaft deine Kunst beeinflussen. Ich schlage vor, wir drehen die Frage um und diskutieren, welche Rolle deine Arbeit mit Blick auf unsere aktuelle gesellschaftliche Situation spielt. Wie untergraben, unterwandern und hinterfragen die Vielzahl der ästhetischen Formen, die in Through the Grapevine aus der einfachen Kombination zweier menschlicher Körper entstehen, kulturelle und soziale Ordnungssysteme? Welchen Beitrag leisten sie zu den aktuellen politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Dringlichkeiten?

In Through the Grapevine dient alles, was auf der Bühne geschieht, dem Konzept der Proportion. Das macht einerseits einen sehr ästhetischen Eindruck, andererseits schafft es ein Bewusstsein dafür, wie Proportionen mit Handlungsfähigkeit verknüpft sind. Ein Beispiel aus dem Tanzstudio: Immer dann, wenn jemand mehr Länge hat - sei es durch die Arme oder Beine - darf er oder sie führen. Ein praktischer, aber problematischer Ansatz. Das Gegenteil von Fair. Diese Person hat aufgrund ihrer Körperproportionen einen Vorteil, der zu einem höheren Maß an Handlungsfähigkeit führt. Obwohl Through the Grapevine also nicht explizit politisch ist, schafft es ein Bewusstsein für die Verschränkung von Handlungsfähigkeit und Körperlichkeit.

Apropos Differenz: Axel und du, ihr habt sehr schöne, muskulöse - man könnte schon fast sagen "normative" - Körper...

Ja, wir arbeiten in der Tat mit athletischen Körpern, und das bedaure ich manchmal. In den letzten Jahren bin ich in Kontakt mit Kompanien und Festivals gekommen, die sich auf die Arbeit mit Künstler:innen mit 'differently abled bodies’ konzentrieren, und ich bin sehr daran interessiert, diese Arbeit weiterzuentwickeln. Meine Kreationen beruhen jedoch auf sehr intensiven persönlichen Kontakten und einer sich kontinuierlich weiterentwickelnden Praxis. Die Recherchezeit für Through the Grapevine war zum Beispiel sehr lange: Wir waren 18 Wochen lang im Studio. Axel, den ich seit neun Jahren kenne, war Teil von The Red Haired Men, einer Performance, in der wir bereits den Unterschied zwischen Sitz- und Stehhöhe entdeckt hatten, ohne uns weiter in diesen Aspekt zu vertiefen. Wir haben es dann als Ausgangspunkt für eine neue Kreation verwendet. Ich denke, dass es noch mindestens fünf Jahre dauern wird, bis ich mich in der Tiefe mit der Erforschung von nicht-athletischen Körpern mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf der Bühne beschäftigen werde.

Obwohl Axel und du ähnlich sportlich seid, bringt ihr ns dazu, die individuellen Besonderheiten eurer Körper zu begreifen. Ist das ein Akt der Subversion?

Ja, das ist definitiv etwas, woran ich denke. Die Körper von Axel und mir werden als sehr ähnlich wahrgenommen. Und doch kann man die vielen individuellen Unterschiede erforschen. Ein spannender Ausgangspunkt für Betrachter:innen, den es nicht gäbe, wenn schon zu Beginn offensichtliche Unterschiede feststellbar wären.

Auf welche Weise finden sich deine Überlegungen in deinen Bewegungen wieder? Kann man durch Bewegung einen Wandel hervorrufen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir weniger Diskussionen über Geschlechterunterschiede oder Hautfarben hätten, wenn alle die riesige Vielfalt an proportionalen Unterschieden von scheinbar ähnlichen Körpern erkennen würden. Meiner Meinung nach würden Unterschiede generell viel mehr akzeptiert werden.

Wenn wir alle mehr schwitzen würden, wenn wir alle eine stärkere gemeinsame körperliche Praxis hätten, dann wäre die Welt ein bisschen schöner.

Was wünscht du dir, das die Zuschauer:innen beim Betrachten deiner Performance erleben sollen? Gibt es etwas - ein Gefühl, ein Gedanke - den du hervorrufen möchtest? Irritation? Gelächter? Unbehagen?

Ich denke nicht wirklich darüber nach, wie meine Aufführungen wahrgenommen werden, sondern konzentriere mich eher auf das, was wir tun. Aber ich liebe es, das Publikum zu spalten. Es ist interessant mit dieser Vielfalt an Empfindungen zu spielen: Eiine Person findet ein bestimmtes Element belustigend, während eine andere erschreckt. Die eine ist angewidert, die andere lacht sich kaputt.


Übersetzt von Aminata Estelle Diouf

1 Serres, Michel (1999): Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S./p. 407. Translation by the author.

Hier geht es zum Trailer der thematisierten Performance Through the Grapevine (2020), hier zum Trailer von VanThorhout (2022).

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