Bist du Dampfer oder Segelboot? von Thusnelda Marìn Jungmann

Bist du Dampfer oder Segelboot?

von Thusnelda Marìn Jungmann

Während im großen Zelt ein Mann verschiedene Beziehungen zu einem Stock einnimmt und ein Pärchen ihre toxische Beziehung innerhalb des Rahmens eines Cyr Wheel verhandelt, verlagert sich ein anderer Teil des CircusDanceFestivals auf eine Nebenbühne. Es ist kein versteckter Ort, aber auch keiner, der sich aufdrängt. Hier ist die Initiative Feministischer Circus mit drei Programmpunkten präsent: ein Kennenlern-Format, die Präsentation ihrer Stipendiatinnen und ein Workshop mit dem Titel „Risking Nearness“. Drei Formate, drei Versuche, den Zirkus von innen heraus zu befragen.

Unerhörte Bedürfnisse einer Szene

Die Initiative selbst ist noch jung. 2021, aus der Pandemie heraus entstanden, zunächst digital, in Zoom-Räumen, aus einem Bedürfnis nach Austausch und Vernetzung. Heute ist sie ein dezentral organisiertes Netzwerk aus Zirkusschaffenden, Pädagog*innen und anderen Zirkusbegeisterten. Ihr Ziel: eine diskriminierungssensiblere Szene – und letztlich eine diskriminierungssensiblere Welt. Denn auch der Zirkus ist keine Utopie. Er reproduziert, was gesellschaftlich überall ist: Ausschlüsse, Hierarchien, blinde Flecken.

Beim Kennenlernen-Format „Meet-up“ unter einem Sonnensegel wird das schnell konkret. In kleiner Runden wird gefragt: Was braucht diese Szene? Antworten werden aufgeschrieben, geteilt, ergänzt. Es geht um strukturelle Veränderungen in der Ausbildung, um mehr Sensibilität für Diskriminierung, um Sichtbarkeit. Auch um die Frage, wer eigentlich erzählt – und wer erzählt wird. Immer wieder kippt das Gespräch vom Allgemeinen ins Persönliche. Dabei zeigen sich auch Reibungen innerhalb der Gruppe selbst. Als der Wunsch nach mehr Stücken über Behinderung geäußert wird, kommt sofort der Einwand: Menschen mit Behinderung sind mehr als ihr Thema. Ein kurzer Moment der Irritation, dann ein gemeinsames Weiterdenken. Es ist eben ein ständiges Aushandeln.

Die Initiative arbeitet dabei auf mehreren Ebenen: mit dem Magazin „scheinwerfen“, mit Awareness-Arbeit in Produktionen sowie mit dem Projekt „Safe(r) Space Circus?!“. Letzteres umfasst interaktive Workshops, die in Kooperation mit Start2Act – einem Programm der Bundesvereinigung Kultureller Kinder- und Jugendbildung – und der Zirkuspädagogin Brenda Akele Jorde entwickelt wurden, um gemeinsam einen utopischen Safe(r) Space für die soziale Zirkusarbeit und Trainingsräume zu entwerfen. Ergänzt wird das Profil neuerdings durch ein Stipendium, das sich gezielt an Personen richtet, die strukturell ausgeschlossen werden: ein Jahr lang mit finanzieller Unterstützung, Mentoring und Residenz – bewusst ohne Produktionsdruck.

Förderung in Form einer Schutzmatte

Ab ins Zelt. Die Präsentation der Stipendiatinnen ist kein klassischer Showcase. Es ist eher ein Einblick in Prozesse, in Arbeiten, die sich noch entwickeln – und genau darin ihre Dringlichkeit entfalten. Auf einem T-Shirt silberne Glitzersteinchen angeordnet: „Riot“. Die Arbeit von Tana Onochie, Luftartistin und Pädagogin aus Berlin, beginnt mit einem Rauschen; einer permanenten Hintergrundfrequenz. Das Tuch liegt zunächst am Boden, später trägt Onochie es durch den Raum, fast zärtlich, wie einen zerbrechlichen Körper; sie setzt sich ins Publikum und gibt die Bühne frei: Stimmen im Raum. Voice-over sprechen von Hanau, von Polizeigewalt, von der Frage, wie sicher Deutschland ist – und für wen. Eine Matte wird auf die Bühne gebracht, ein vertrautes Objekt aus dem Zirkus: Sicherheit, Abfederung, Schutz. Doch hier verschiebt sich die Bedeutung. Wo ist diese Matte im echten Leben? Wer hat Zugang dazu? Und wer muss ständig ohne sie auskommen? Die Frage bleibt hängen: „Warum müssen wir uns damit beschäftigen, wenn wir davon betroffen sind?“

Auch Luciana Luthi, Stipendiatin 2026, arbeitet an einer Verschiebung dessen, was im Zirkus sichtbar wird. Ihre Praxis nennt sie „minimalistischen Zirkus“– ein Ansatz, der sich bewusst von Virtuosität entfernt und stattdessen auf Präsenz setzt. Ihre Performance findet nicht im Zentrum statt, sondern am Rand, leicht versetzt, vor einem funkelnden Vorhang. Es wirkt wie eine räumliche Setzung: Als würde sich hier eine Position materialisieren, die lange außerhalb der Szene verortet war und nun ihren eigenen Platz behauptet.

Zwischen diesen Arbeiten wird deutlich: Virtuosität wird hier neu verhandelt. Nicht als Beherrschung, sondern als Entscheidung, was gezeigt wird – was nicht mehr verborgen bleibt. Doch auch hier bleibt für die Initiative selbst eine Frage im Raum: Wer entscheidet eigentlich, wer diese Förderung bekommt? Letztes Jahr war es eine Jury, dieses Jahr das Losverfahren. Ein Versuch, Hierarchien aufzubrechen – und gleichzeitig ein Hinweis darauf, wie schwer es ist, gerechte Strukturen zu schaffen, ohne neue Probleme zu schaffen.

Dampfer vs. Segelboot

Gleicher Ort, anderer Tag: Diesmal kein Zuschauen, sondern ein Mitmachen. Der Workshop „Risking Nearness“ angeleitet von Johanna Monnerjahn, öffnet einen Raum, der zunächst unscheinbar wirkt – und sich schnell als komplexes Gefüge von Beziehungen entpuppt. Anfangs im Sitzkreis zwei scheinbar einfache Fragen: Wo möchte ich heute (nicht) berührt werden? Es ist eine langsame Annäherung. Ein Sprechen über Grenzen, über Zustimmung, über das, was oft unausgesprochen bleibt. Gerade wurde die Ebene etabliert, wird der Konsens schon geprüft, regelrecht herausgefordert:

Man zieht eine Karte, das Spiel beginnt: Manche werden zu „Dampfern“, andere zu „Segelbooten“. Die einen bewegen sich direkt, stoßen an, nehmen Raum ein. Die anderen weichen aus, reagieren, passen sich an. Einige zögern, andere lachen, wieder andere versuchen, die Regeln ernst zu nehmen, andere trauen sich nicht so ganz. Es entstehen keine klaren Fronten, keine temporären Widerstandsgemeinschaften. Stattdessen ein diffuses Feld von Bewegungen, Unsicherheiten, Entscheidungen. Im Nachgespräch wird sich über Privilegien ausgetauscht, den Umgang miteinander innerhalb der Szene, und auch die Rolle von Monnerjahn wird hinterfragt: Welche perfide Macht steckt dahinter?

Der Workshop zeigt: In Kontakt zu gehen ist riskant. Und Nähe bringt Verantwortung mit sich. Was passiert, wenn ich wirklich sehe – und gesehen werde? Und was, wenn ich das gerade nicht kann? Vielleicht besteht eine der wichtigsten Übungen darin, genau das sagen zu können: Ich brauche noch Zeit. Ich brauche Abstand. Denn immer wieder geht es auch um Sprache. Um das richtige Wording, um das gemeinsame Verständnis. Darum, wie Missverständnisse entstehen – und wie sie vielleicht vermieden werden können, wenn klar ist, von welchem Ausgangspunkt gesprochen wird. Am Ende bleibt kein fertiges Ergebnis. Eher ein Gefühl dafür, wie komplex Nähe ist. Und wie viel sie mit Macht zu tun hat. Und dass es aber ebenso risikoreich ist, gar nicht erst zu versuchen, sie einzugehen.

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