Bros, lasst euer Shirt an! Von Lukas Arndt

Bros, lasst euer Shirt an!

Von Lukas Arndt

Manche Dinge haben heutzutage einen schweren Stand.

Zum Beispiel der Mond in zeitgenössischer deutscher Lyrik. Nach jahrhundertelanger Übernutzung als Projektionsfläche und Symbol, etwa für unerwiderte Liebe, müssen sich Lyriker*innen heutzutage gut überlegen, ob sich die mit der Nutzung dieses Bildes einhergehende Bedeutungslast antun wollen.

Ein anderes Beispiel wären romantische Komödien über heterosexuelle Liebespaare mit normschönen, weißen Schauspieler*innen. Auch solche RomComs müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es eine weitere Überrepräsentation derartiger Beziehungskonzepte noch braucht. Während ich persönlich beim Mond alle dazu ermutigen würde, auszuprobieren, wie man der Kitschgefahr in Gedichten entkommt, bin ich bei den RomComs skeptischer. Auch da mag es Mittel und Wege geben, einer reinen Reproduktion entgegenzuwirken und das Genre selbstkritisch neu zu erfinden. Aber das passiert viel zu selten.

Was hat das mit Bros und T-Shirts zu tun?

In zeitgenössischem Zirkus (und Tanz und Theater und im öffentlichen Raum und überall…) hat eine Sache noch einen viel zu leichten Stand: Männer, die auf Bühnen und in der Öffentlichkeit ihr T-Shirt ausziehen. Ich sage es hier einmal deutlich, auch wenn es vielen längst klar ist: Solange es nicht selbstverständlich ist, dass Flinta* Personen in der Öffentlichkeit dasselbe tun können, liebe Bros, ist das nicht okay. Auch nicht in einem Zirkusstück, auch nicht als performativer Akt, auch nicht ganz kurz, auch nicht, wenn jemand anderes das T-Shirt auszieht, auch nicht, wenn man es danach schnell wieder anzieht. Gar nicht.

Ich höre jetzt ein paar imaginäre Bros flüstern, dass das männliche Verletzlichkeit zeigt und ein paar andere, dass man das Problem vielleicht nur mit der Geste selbst adressieren kann. Das finde ich nicht. Da mag es gute Wege geben. Vielleicht. Ich sehe sie zu selten.

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