Come closer … mit Luciana Luthi
von Thusnelda Marín Jungmann
Muss Zirkus immer glänzen? Immer leicht, virtuos, spektakulär sein? Im Gespräch mit Luciana Luthi verschiebt sich der Blick auf eine Kunstform, die oft zwischen Hochleistung und Unterhaltung verortet wird. Luthi – neue Stipendiatin der Initiative Feministischer Zirkus – sucht nicht die Manege als gegebenen Mittelpunkt, sondern ihren eigenen Ort darin. Aufgetreten ist sie nicht im Zentrum des Geschehens, sondern vor einem extrem funkelnden Vorhang – abseits der eigentlichen Spielfläche. Dieser gewählte Rand wirkt nicht zufällig, sondern beinahe programmatisch: als räumliche Verschiebung, die sich auch in ihren Arbeiten zeigt – ein Suchen nach einem Platz in einer Szene, in der sie sich lange als außerhalb stehend erlebt hat. Ein Bild, das viel über ihre Praxis des „minimalistischen Zirkus“ erzählt: Sie bleibt nah am Glanz und stellt ihn zugleich infrage. Was passiert, wenn Zirkus nicht nur schön ist, sondern auch unbequem, widersprüchlich und zutiefst menschlich?
Thusnelda Marín Jungmann: Come closer – wie hast du dieses Festival erlebt? Bist du jemandem oder etwas näher gekommen?
Luciana Luthi: Mein ganzes Leben lang habe ich mich im Zirkus oft ausgeschlossen gefühlt, als wären meine Themen die einer Außenseiterin. All diese Themen an einen Ort zu bringen, von dem ich dachte, er würde sie nicht willkommen heißen, hat mir sehr viel bedeutet. So wurde mir klar, dass es wichtig ist, diesem glitzernden Zirkusort näher zu kommen.
TMJ: Glaubst du also, der Zirkus ist zu nett? Zu fröhlich? Zu glanzvoll?
LL: Einerseits ist er natürlich sehr glanzvoll, sehr fröhlich, jeder ist willkommen. Aber andererseits ist er überhaupt nicht inklusiv. Und es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Meistens ist der Zirkus eine Disziplin zwischen Kunst und Sport. Manche Künstler*innen legen großen Wert auf Technik. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es im Zirkusbereich an Reflexion mangelt, an Toleranz für Unterschiede. Und ich weiß, dass Zirkus sehr körperlich ist. Aber es ist wichtig, den Körper zu nutzen, um über Themen zu sprechen.
TMJ: Das klingt für mich so, als suchst du nach einer „No-Technique“. Wie definierst du deine eigene Technik?
LL: Schon seit meiner Kindheit hatte ich eine starke Verbindung zu Kunst. Zunächst studierte ich Musik, Theater und Tanz. Aber ich war nicht glücklich, ich suchte nach einem Ort der Subkultur in der Kunst. Und ich glaube, der Zirkus ist meine Antwort. Wenn ich in die Geschichte des Zirkus blicke, habe ich diese romantische Vorstellung von „Freakshows“: dem Zirkus als einen Ort, an dem Vielfalt akzeptiert wird. Doch in dem Moment, als ich die Zirkusschule betrat, war der Druck enorm. Ich habe versucht, mich anzupassen. Aber letztendlich: Ich war nie eine Sportlerin, ich mag keinen Wettbewerb. Es hat Jahre gedauert, aber schließlich habe ich verstanden: Ich habe bereits alle Fähigkeiten, die ich brauche. Jetzt will ich niemandem gefallen. Ich will einfach nur das tun, was ich tun muss. Ich versuche, diesen technischen Ansatz zu dekonstruieren, indem ich nach einer Verschmelzung verschiedener Werkzeuge suche. Wie kann ich Technologie nutzen, um mit Bewegung und Klängen zu interagieren? Was kann dabei herauskommen? Was kann dem Publikum ein Gefühl vermitteln?
TMJ: Das Erste, was mir in den Sinn kommt: Nicht dazu zu passen ist immer eine Chance, etwas Neues zu entwickeln. Glaubst du, dass es dir auch Kraft gibt, für dieses Thema zu kämpfen? Oder fühlst du dich dabei sehr unterdrückt?
LL: Ich glaube, das kommt in Wellen. Manchmal bin ich sehr stark und selbstbewusst. Ich kann meine Stimme nutzen, um mit Menschen zu sprechen, die sich aufgrund ihrer Marginalisierung in ähnlichen Situationen befinden. Trans-Menschen zum Beispiel, Migrant*innen, People of Colour oder Menschen mit Neurodiversität. Es gibt viele Menschen, die ausgegrenzt werden. Und das Publikum sollte das sehen, die Schönheit, die Einzigartigkeit, wenn jeder seine eigene Perspektive hat. Wir müssen nicht alle wie Roboter sein, mit denselben Gesichtern, denselben Körpern, denselben Standpunkten. Aber manchmal habe ich Angst. Manchmal frage ich mich, ob die Leute denken, ich sei verrückt, ob sie denken, ich wolle keine Technik anwenden, weil ich dazu nicht fähig bin, oder ob sie mich vielleicht verurteilen.
TMJ: Aber du bist in einer „klassischen Technik“ ausgebildet: Dein Zirkushintergrund ist das Vertikalseil. Du widersprichst jedoch dieser gängigen Definition von Virtuosität. Was ist deine Definition von Virtuosität für deine eigene Arbeit?
LL: Ich bin noch auf der Suche. Es ist wichtig, die Menschen mit Einfachheit zu berühren. Es geht nicht darum, eine doppelte Pirouette zu drehen, sondern eher darum, mit den Menschen da zu sein und zu versuchen, die Pirouette zu drehen und dabei zu fallen. Das ist näher an den Clowns: Für mich die ehrlichsten Menschen im Zirkus.
TMJ: Da stimme ich zu. Ein Stück kann dramaturgisch oder technisch phänomenal sein, aber ich finde vielleicht keinen Zugang dazu. Du beschreibst deine Arbeit mit Worten, die ich noch nie zuvor gehört habe: minimalistischer Zirkus. Wie bist du auf diesen Begriff gekommen?
LL: Das hat letztes Jahr angefangen. Die Leute fragten mich, ob ich traditionellen oder zeitgenössischen Zirkus mache, und ganz spontan, ohne groß nachzudenken, antwortete ich: minimalistischen Zirkus. Es ist nicht zeitgenössisch, es ist nicht avantgardistisch; es ist einfach nur schlicht.
TMJ: Bislang verstehe ich minimalistischen Zirkus eher als ein Format. Aber welche Themen möchtest du durch dieses Format zum Ausdruck bringen?
LL: Es geht um Liminalität. Es geht um den Zustand des Übergangs – wenn man nicht mehr die Person ist, die man einmal war, und noch nicht die nächste Person geworden ist. Ich habe das zum ersten Mal gespürt, als ich mein Kind zur Welt brachte. Ich hatte einen Kaiserschnitt. Ich meine, ich stand unter Narkose. Man hat Schmerzen und kann sich nicht bewegen. Ich habe im Krankenhaus viel Gewalt gespürt. Oder letztes Jahr, als mein Vater starb. Manche Menschen haben keine Verbindung zu ihrem Vater, aber mein Vater, er war wirklich mein bester Freund, der größte Unterstützer meiner Kunst. Bei der Beerdigung waren alle da, und der leblose Körper lag da, umgeben vom Duft der Blumen. Und dann starb auch ein Teil von mir. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war.
TMJ: Jetzt verstehe ich noch besser, was du am Anfang erwähnt hast: Beim Zirkus kann es um mehr als nur Unterhaltung gehen. Warum, glaubst du, bringen so wenige Künstler diese Themen auf die Zirkusbühne?
LL: Das ist eine sehr, sehr gute Frage, denn ich glaube, es ist eine Dualität. Nichts ist nur traurig. Geburt und Tod, das ist nicht nur Traurigkeit. Da ist auch Glück. Und manche Leute halten das für verrückt, aber ich habe über Trauer gelesen, und viele Menschen sind auch glücklich, weil sie die Erinnerungen haben, sie bauen die Erinnerungen immer wieder auf. Ich meine, letztendlich: Jeder wird sterben. Jeder wird jemanden verlieren, den er liebt. Warum also nicht darüber reden?
TMJ: Nun ist das Festival vorbei, wie war es für dich? Bist du jemandem näher gekommen?
LL: Es war sehr gut organisiert. Vor allem das Networking-Treffen: Es gab diese Fragekarten, um den Leuten zu helfen, die erste Barriere zu überwinden. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mit so vielen Zirkusleuten reden konnte. Ich habe eigentlich mehr Kontakt zu Leuten außerhalb des Zirkus geknüpft. Es wäre wichtig, mehr Raum für experimentellen Zirkus zu schaffen, denn ich denke, es ist an der Zeit, darüber nachzudenken: Was ist Zirkus eigentlich? Einerseits ist es beeindruckend, schöne Körper mit großem Können und perfekter Technik zu sehen – davon habe ich viele gesehen. Andererseits fände ich es sehr schön, eine Plattform für experimentellere Kunst und Zirkus zu haben. Um darüber nachzudenken, was zeitgenössischer Zirkus in Zukunft sein könnte.
