Come closer … with Fabrice Dominici (Compagnie Inextremiste Circus)
Foto: So stellt sich die KI das Interview-Setting vor.
Von Thusnelda Marín Jungmann
Manche Stücke verfolgen einen, obwohl der Vorhang längst gefallen ist. Die Kunst scheint zu verfliegen – was bleibt sind Gefühle und Gedanken, die weiter durchjongliert werden wollen. Zwischen der Aufführung von «Damoclès» der Compagnie Inextremiste Circus und mir liegen 20 Stunden und 28 Minuten, ein Entwurf eines saftigen Kommentars der Nacht sowie mehrere kontroverse Gespräche mit anderen Festivalteilnehmer*innen, bis der Performer Fabrice Dominici und ich zufällig auf dem Festivalgelände ineinander rennen. Ich im Stress zwischen Stücken, er bei einer Zigarette, um genau diesen Stress zu lösen. Unsere Blicke wissend: Wir sollten reden.
Und das tun wir. Ich spreche ihn darauf an, wie es für ihn war, dass ich seine Performance frühzeitig verlassen habe. Er lädt mich ein, mit ihm auf einer Bank im Schatten Platz zu nehmen. Es entsteht ein Gespräch über die Diskrepanz zwischen Rolle und Person, über Zirkuskunst zwischen Entertainment und Verantwortung. Als die Künstlerin Luciana Luthi zufällig dazustößt, erweitert sich das Gespräch zu einer gemeinsamen Suche: Was bedeutet Risiko im zeitgenössischen Zirkus heute?
Thusnelda Marín Jungmann: Wir sitzen jetzt hier im Schatten. Gestern habe ich dein Stück „Damoclès“ gesehen. Ich bin nach 15 Minuten gegangen. Wie war das für dich?
Fabrice Dominici: Ich habe bemerkt, dass du gegangen bist. Und das hat mich wirklich traurig gemacht. Aber ich verstehe, warum. Es ist interessant, dieses Stück in verschiedenen Ländern zu zeigen – es braucht Zeit, das Publikum zu erspüren und den richtigen Rhythmus zu finden. Zumindest versuche ich das.
TMJ: Und inwiefern verstehst du, dass ich gegangen bin?
FD: Weil ich bis ab gewisse Grenzen gehe. Wir wollen etwas aussagen. Es geht um einen kulturellen Notstand in Frankreich. Die Dinge entwickeln sich sehr schnell, und wir haben nur 45 Minuten, um darauf einzugehen. Manchmal ist es zu schnell, manchmal zu seltsam.
TMJ: Für mich war es gestern zu seltsam. Da ist diese Ambivalenz: Du brauchst Hilfe, aber deine Rolle ist – um es nett auszudrücken – wirklich, wirklich unfreundlich. Warum sollten wir deiner Figur helfen?
FD: Die Figur bin nicht ich. Sie spiegelt die Welt wider, in der wir leben – Menschen an der Macht, die andere dazu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen. Es geht um Manipulation. Diese Figur ist schwierig für mich. Aber wenn ich diese Themen ansprechen will, muss ich damit arbeiten. Es ist wie bei «Star Wars», die dunkle Seite. Ich spiele damit – und wir als Ensemble zahlen einen Preis: Wir verlieren Leute. Als du gegangen bist, habe ich mich wirklich schlecht gefühlt. Es hat mich daran erinnert, als ich als Jongleur angefangen habe – ich war allein. Und auch heute noch: Wenn ich jemanden verliere, tut es mir weh.
TMJ: Aber du hättest mich aufhalten können, fragen können, warum ich gehe. Du hast geschwiegen.
FD: Ich trage viel Verantwortung. Diese Show ist riskant für die Leute, und sie liegen uns am Herzen – auch wenn es nicht so aussieht. Als ich mich umdrehte, warst du schon weg. Ich habe dich vermisst.
TMJ: Und ich war froh, dass ich gegangen bin, denn ich dachte: Ich habe es satt, immer wieder auf solche Rollen zu stoßen. Im Alltag – und auf der Bühne.
FD: Was bedeutet diese Figur für dich?
TMJ: Meine ehrliche Meinung?
FD: Ja, bitte.
TMJ: Ich sah ein Arschloch. Einen Menschen, dem alles egal ist. Einen weißen Mann mittleren Alters, der sich Raum beansprucht, die Namen von Frauen vergisst und sie wie Objekte behandelt.
FD: Ich sehe deine Grenzen. Aber ich versuche auch, sie zu verschieben.
TMJ: Nachdem ich auf die Bühne gegangen war, um der Frau zu helfen, änderte sich nichts. Also beschloss ich zu gehen. Aber vielleicht ist das ja das Konzept: Dass du am Ende einfach allein mit deinem Holz dastehst?
FD: Genau. Das ist der Preis der Show. Manchmal ist es schade. Ich habe gestern mit einem Freund darüber gesprochen, dass ich dich vermisst habe. Ich dachte: Ja, ich bin ein Arschloch auf der Bühne, aber das ist die Rolle. Es geht um Manipulation. Es ist auch körperlich schwer für mich. Wenn ich mit einer Frau rede, kann das schnell nach Verführung aussehen – was ich nicht will. Ich will echte Verbindung. Ich will über Gefühle reden, darüber, was mir gefehlt hat, als ich allein als Jongleur war. Niemand hat sich darum gekümmert.
TMJ: Genau das meine ich. Warum nicht diese Verletzlichkeit zeigen statt Ignoranz? Wir wissen doch schon, wie verkorkst die Welt ist. Warum das auf der Bühne reproduzieren, anstatt zu zeigen, wie man Menschen behandeln möchte?
FD: Weil es dann kein Risiko wäre. Wir haben nur 45 Minuten, um den richtigen Druck zu finden, wie politisch wir vorgehen. Es ist nicht nur eine Show – es ist eine Erfahrung darüber, wie wir kommunizieren. Das Leben ist bereits die Show. Die Leute sollten sich fragen: Ist das echt oder ist es eine Rolle? Ich habe es satt, dass Zirkus nur Unterhaltung ist. Wir wollen, dass die Leute entscheiden, wie sie reagieren. Alles ist möglich. Es ist eine Live-Situation – sie wächst mit dem Publikum.
TMJ: Jetzt sitzen wir hier und teilen uns eine Bank. Ich fühle mich dir nah – näher als zuvor. Nicht nur, weil wir diese Bank physisch teilen, sondern auch, weil ich nun darauf vertraue, dass wir dieselben Werte teilen: Tschüss, Faschismus. Aber ich stimme deiner künstlerischen Methode nicht zu. Diese radikalen Strategien wirken auf mich sehr wie aus den 80ern. Also habe ich mich gefragt: Was ist heute Risiko? Eine Antwort fand ich in den Präsentationen der «Initiative feministischer Zirkus». Die Künstlerin Luciana Luthi sagte, dass Risiko für sie darin besteht, sich auf der Bühne ehrlich zu zeigen. Wenn deine Figur ihren Kampf zeigen würde – wenn ich spüren könnte, dass „du“ dich verändern willst – würde ich helfen wollen. Warum also diesen Kampf nicht zeigen?
FD: Ich kämpfe tatsächlich. Mit der Angst, zu viel Macht zu haben. In gewisser Weise ist es gut, dass du gegangen bist. Es bedeutet, dass die Leute nicht nur zuschauen – sie handeln. Was glaubst du, könnte ich ändern, um mich verletzlicher zu machen?
– In diesem Moment kommt die Künstlerin Luciana Luthi an unserer temporären Diskussionsbank vorbei; eben jene, die ich zuvor in meiner Argumentation zitiert habe. –
TMJ: Luciana, perfektes Timing – möchtest du dich zu uns gesellen? Wir sprechen gerade über Risiko im zeitgenössischen Zirkus.
Luciana Luthi: Ja, gerne.
TMJ: Du hast «Damoclès» nicht gesehen, oder? Fabrice, kannst du es kurz zusammenfassen?
FD: Wir bringen die Menschen an ihre Grenzen, während wir versuchen, sie zu unterhalten. Gleichzeitig fragen wir: Wo liegt die Grenze zwischen Unterhaltung und Kunst?
TMJ: Nur zu deiner Information, Luciana: Ich habe diese Vorstellung vorzeitig verlassen – sie war zu intensiv. Sie hat mich tief bewegt. Also, was bedeutet Risiko für dich?
LL: Für mich ist es das Risiko, ehrlich zu sein – mir selbst und dem Publikum gegenüber. Auch, meine Perspektive und persönliche Themen offen zu legen. Das ist ein großes Risiko. In meiner Arbeit, die derzeit durch ein Stipendium der „Initiative feministischer Zirkus“ unterstützt wird, forsche ich zu Minimal Circus. Ich interessiere mich nicht für Virtuosität, sondern dafür, präsent zu sein – fast „nackt“, in dem Sinne, dass ich mich nicht hinter Technik verstecke.
TMJ: Das bringt mich zurück zu deiner Frage, Fabrice. Vielleicht besteht das Risiko einfach darin, zu sagen: „Ich möchte etwas aus diesem Holz bauen, aber ich fühle mich allein. Willst du mitmachen?“
FD: Das verstehe ich. Aber die Show verändert sich mit jedem Publikum.
TMJ: Stimmt. Aber die Haltung deiner Figur bleibt dieselbe. Ist dir dein Publikum wichtig?
FD: Ja, das ist es. Der „Arschloch“-Teil – das bin nicht ich. Das ist die Figur. Ich möchte einen magischen Moment schaffen.
TMJ: Für mich war es nicht magisch – es wirkte unhöflich. Aber gleichzeitig hast du ein polarisierendes Stück geschaffen, über das die Leute diskutieren wollen. Das ist wichtig.
FD: Ja – auch um über die kulturelle Situation in Frankreich zu sprechen. Freischaffende Künstler werden zunehmend wie Sklaven behandelt. Es gibt nicht genug Geld. Es ist ein Notfall – wir werden zu Sklaven des Kapitalismus.
LL: Das sind wir bereits. Aber es gibt doch das System der „Intermittents du spectacle“, oder?
FD: Ja. Es unterstützt freischaffende Künstler – aber es ist in Gefahr. Und das bedroht auch deine Art von Arbeit, Luciana. Es ist ein Albtraum.
TMJ: Du sprichst davon, dass Menschen zu Sklaven des Kapitalismus werden. Aber warum reproduzierst du dieses Gefühl, indem du dein Publikum wie Sklaven behandelst – anstatt zu zeigen, wie du behandelt werden möchtest?
FD: Weil ich zeigen will, wie Künstler von der Staatsmacht behandelt werden. Und Manipulation lässt sich leicht inszenieren. Also manipuliere ich das Publikum. Du hast es gesehen: Die Leute sagen Ja, weil sie Angst haben, Nein zu sagen. Ich will Menschen wie dich – Menschen, die gehen, die Grenzen setzen, die Widerstand leisten. Es fällt mir schwer, diese Rolle zu spielen, aber ich muss es tun.
TMJ: Nein – du entscheidest dich dafür. Das ist ein großer Unterschied. So wie andere im zeitgenössischen Zirkus „Objektmanipulator*innen“ sind, warst du in meinen Augen eine Art „Menschenmanipulator“. Aber zum Schluss: Ich bin dankbar für eure beiden Arbeiten. Sie zeigen sehr unterschiedliche Herangehensweisen an das Risiko. Und jetzt sind wir hier, tauschen Perspektiven aus – kommen uns, passend zum Festivalmotto, näher. Was bedeutet „Come Closer“ für dich im zeitgenössischen Zirkus?
FD: Es bedeutet, gemeinsam zu atmen. Zuzuhören. Auf den richtigen Moment zu warten, um sich zu bewegen – Hand in Hand.
LL: Präsenz zu zeigen. Und authentisch zu sein.
TMJ: Damit ist alles gesagt. Amen.
