Der neueste Klatsch übers Klatschen von Thusnelda Marín Jungmann

Der neueste Klatsch übers Klatschen

von Thusnelda Marín Jungmann

Die Manege brennt. Die Stimmung auch. Tosender Applaus.

Im Zirkus ist Applaus nicht nur erlaubt, sondern fast einkomponiert. Er ist Teil der Partitur: nach jedem Trick, nach jedem riskanten Moment, manchmal sogar bei strategischer Langeweile. Klatschen bestätigt Leistung, aber es ist auch eine kollektive Entlastungsreaktion nach dem Moment der Gefahr. Ein gemeinsamer Dank, der die Einzelnen davon befreit, sich später persönlich zu bedanken. Jedenfalls: Das Publikum wird Teil der Inszenierung, Teil des Rhythmus. Karlheinz Stockhausen beschrieb Beifall einmal als „eine starke Wärmewelle vom Parkett auf das Podium“.

Aber genau hier beginnt die Spannung: Klatschen wirkt spontan, ist jedoch hochgradig reguliert – durch Erwartungen, soziale Codes, Machtverhältnisse und Gruppendynamiken.

Auch beim Klatsch gibt es Codes: Klatsch als sozialer Kitt. Klatsch als soziale Kontrolle. Klatsch als etwas, das gleichzeitig verbindet und diszipliniert. Klatsch ist eine Form gesellschaftlicher Unterhaltung, bei der Informationen – anders als beim Klatschen – über nicht anwesende Personen ausgetauscht werden. Klatsch gilt als moralisch fragwürdig – Klatschen auch? Denn Klatschen wird nicht heimlich im Nachhinein artikuliert, das Geräusch macht es unmittelbar hör- und sichtbar, als kollektive Geste, die das spätere Sprechen schon vorwegnimmt. Also inwieweit ist das (Nicht-)Klatschen schon der Nachhall des Klatschs von morgen? Sich mal fragen: Warum klatsche ich eigentlich? Manchmal ist es unmöglich zu sagen. Und manchmal wirkt es sogar verdächtig, dass geklatscht wird. Fast eine Angst vor dem Klatschen selbst – als Form kollektiver Selbstversicherung.

Denn Klatsch nivelliert zumindest kurzfristig Macht- und Statusunterschiede. Man klatscht nicht nur, weil man etwas gut findet, sondern auch, um nicht aus der Situation zu fallen. Das ist der erste Moment, in dem Klatschen „manipulativ“ werden kann: als Anpassung, als Mitlaufen, als Zugehörigkeitsbeweis. Klatschen sagt dann nicht nur etwas über die Bühne, sondern auch über das Publikum: „Wir gehören dazu.“ Vielleicht ist das der eigentliche Umschlagpunkt: Klatschen richtet sich nicht nur an die Performer*innen, sondern auch an sich selbst.
Ganz schön verwirrend dieses Klatschen: Ein Workshop über die Dramaturgie des Klatschens drängt sich auf: Wann soll, wann darf, wann muss geklatscht werden?

Klatschen als enthüllender Klatsch

Der Soziologe Jörg Bergmann beschreibt Klatsch als Kunst der Enthüllung über Dritte. Experimentell angewendet auf den Applaus im Zirkus könnte das bedeuten: Der intime „Klatsch über andere“ verschiebt sich in den Moment der Performance selbst. Das Publikum enthüllt dabei nicht nur etwas über die Bühne, sondern auch über sich selbst. Klatschen wird so zu einem sozialen Beweis: Wenn alle klatschen, muss es gut gewesen sein. Oder anders gesagt: „Wir sind gute Zuschauer*innen, denn wir haben verstanden.“ Gerade in politischen oder performativen Kontexten kippt Applaus damit leicht vom Urteil über das Werk in ein Statement über die eigene Haltung. Und dann stellt sich die Frage: Kann man Klatschen überhaupt trauen?

Szenarien des Publikums

Schaut man in die Runde, ergeben sich folgende Klatschpositionen:

Interne Zirkusschaffende, die klatschen, weil sie die Virtuosität, Disziplin und Präzision hinter dem Moment (meinen,) genau lesen (zu) können.

Interne Zirkusschaffende, die Personen, die in den „falschen“ Momenten klatschen, innerlich gerne eine klatschen möchten.

Menschen, die bewusst nicht klatschen, weil sie einfach nicht klatschen wollen.

Theaterbegeisterte, die das passive Versinken im Staatstheater-Sessel hinter sich lassen und Klatschen als unmittelbare Emotionsäußerung entdecken.

Personen mit Ballroom-Erfahrung, für die Klatschen Affirmation, Empowerment und kollektive Energie bedeutet.

Ungeübte Zuschauer*innen, die das Klatschen als Orientierung nutzen, um Unsicherheit zu überdecken und Teil des Raums zu werden.

Gelangweilte Zuschauer*innen, die sich durch Klatschen selbst wieder ins Wachsein zurückholen.

Kinder, die all diese Codes ignorieren und einfach klatschen, wenn ihnen danach ist.

Und eben die unrhythmischen Personen, die beim Schlussapplaus den Takt nicht halten können.

Was ist richtig?

Die Frage verschiebt sich unweigerlich zur Dramaturgie: Wie werden Stücke gestaltet, die Klatschen mitdenken? Denn manche Bühnenmomente provozieren Applaus regelrecht. Wenn er dann ausbleibt, entsteht eine irritierende Leerstelle – fast körperlich spürbar, wie eine zurückgehaltene Reaktion. Als hätte man den Performer*innen eine klatschende Ohrfeige verpasst. Umgekehrt gibt es das gegenteilige Unbehagen: Applaus an Stellen, an denen eigentlich Stille vorgesehen war. Ein: „Hä? Warum jetzt?“

Zwischen diesen Polen entsteht, bevor überhaupt geklatscht wird, ein körperlicher Reflexraum: Luft anhalten, Spannung, Hitze im Raum. Dann Entladung, als hätte ein*e Saunabademeister*in aufgegossen: Ein kollektives Ausatmen, fast Stöhnen in einem hörbaren „Oh“, eine Form der Reaktion, die nicht in Rhythmus zerfällt. Und es gibt weitere anwendbare Varianten: Schreien, Jubeln, Weinen, Lachen. Doch manchmal ist man einfach zu schüchtern. Vermutlich deswegen – oder aus Gründen der Reglementierungen von oben – gab es historisch sogar professionelle Stimmungsmacher*innen – sogenannte „Claqueure“ in Frankreich des 19. Jahrhunderts; sozusagen die Vorläufer heutiger Warm-Upper in TV-Formaten. Sollten diese wieder eingeführt werden, um dem Publikum Halt zu geben? Aber: Wie „echt“ sind die Reaktionen dann überhaupt noch? Wahrscheinlich geht es weniger um Echtheit als um Erlaubnis.

High Five statt Schlussapplaus

Klatschen lässt sich nicht vollständig kontrollieren – und genau darin liegt sein Risiko. Es gilt, das Klatschen auszuhalten. Es darf zu laut sein. Es darf falsch sein. Man darf sich die Ohren zuhalten. Und gleichzeitig darf man sich überraschen lassen, selbst zu klatschen. Denn von einer Live-Aufführung lebt genau das: ungefilterte Reaktionen. Vielleicht muss der traditionelle Zirkus mit seinen Klatsch-Werten am Ende nicht abgestraft werden, braucht kein neues Regelwerk, sondern einfach ein High Five. Ein Abklatschen. Einen Kontaktmoment. Nicht mehr versteckt im Klatschen aller.

Und, das ist nun kein neuer Klatsch: Klatschen als Währung reicht nicht aus. Warum nicht einmal beim Rausgehen den Künstler*innen ein High Five geben – und eventuell noch ein wenig Geld in die Hand geben. Denn vom Klatschen allein lässt es sich in unserer Welt nicht leben.

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