Die Neuerfindung des Rades von Lukas Arndt

Die Neuerfindung des Rades

von Lukas Arndt

Auch das Cyr Wheel bekommt Applaus. Nach einer knappen Stunde, in der immer wieder auch zwischen den Szenen Beifall aufbrandet, stehen Jef Everaert und Marica Marinoni dem Publikum gegenüber. Verschwitzt und mit erschöpftem Lächeln versucht der eine den Standing Ovations Einhalt zu gebieten, während die andere mit Gesten zu verstehen gibt, dass ruhig noch etwas weiter geklatscht werden darf. Obwohl diese Szene nicht mehr Teil des Stücks ist, ist in diesen kleinen Gesten der Konflikt gut eingefangen. Denn auch in „In Difference“ geht es um zwei verschiedene Philosophien mit der Welt und einander umzugehen. Und so ist auch hier der eine bescheiden, friedlich, zuweilen unentschieden und die andere konfrontativ und selbstbewusst. Auch wenn hier die Artist*in nicht mit der Bühnenfigur vermischt werden darf, ist dieser kurze Augenblick inmitten sichtlicher Erschöpfung und anhaltendem Applaus ein schönes Ende für diese atemlos verflogenen 60 Minuten.

Attenzione und Schnaufen

Mit „Come Closer“ setzt das Circus Dance Festival ein Motto, welches das Miteinander direkt anspricht. Auch „In Difference“ greift dieses Thema auf. Bereits der Stücktitel spielt mit seinen zwei möglichen Bedeutungen „Gleichgültigkeit“ und „Im Unterschied“ auf das Miteinander an und lässt zwei Lesarten der Beziehung zwischen den beiden Performer*innen zu. Von Gleichgültigkeit ist im Stück allerdings nicht viel zu finden. Das ist auch gut so. Die Unterschiedlichkeit der beiden Figuren hingegen und die Reibung, die daraus entsteht, ist der Motor für den Verlauf des Stücks, dessen Bewegungsmaterial und dramaturgischen Boden. Jef Everaert und Marica Marinoni sowie deren dramaturgische und künstlerische Unterstützung beweisen dabei ein feines Gespür für Timing und Tempowechsel. Sequenzen, die man ob ihres hohen Tempos und Komplexität gerne doppelt gesehen hätte, wechseln sich mit ruhigen Phasen ab, die Zeit zu staunen lassen und daran erinnern, dass Atmen wichtig ist.

Licht und Musik unterstützen dabei auf eine angenehm zurückhaltende Art, die es schafft, Hintergrund und Vordergrund zugleich zu sein. Der Produktion ist ihre umfangreiche Förderhistorie und Produktionsgeschichte in dieser Hinsicht anzumerken.

Nicht zuletzt deshalb stört es kaum, dass der Konflikt zwischen den beiden Figuren trotz seiner körperlichen Drastik hin und wieder etwas zweckmäßig und funktional wirkt und mitunter scheinbar wahllos zwischen Übergriffigkeit und spielerischem Gezanke hin- und herwechselt. Es ist nicht die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem gesetzten Thema, die dieses Stück stark macht. Vielmehr ist es die Bewegungsrecherche mit dem Cyr Wheel und miteinander, welche eine Sorgfalt und Leidenschaft zeigt, die der narrativen Ebene das Stückes mitunter fehlt.

Und trotzdem überträgt sich an anderer Stelle ein Gefühl von echter Kooperation. So versuchen die Performer*innen nicht, ihre Anstrengung zu verstecken, sondern nehmen die körperliche Belastung zum Anlass, miteinander zu kommunizieren. Mal leise, mal lauter werfen die beiden sich auf Französisch und Italienisch kurze Kommentare und Anweisungen zu, die irgendwo zwischen privatem Gespräch und Bühnendialog zu schweben scheinen.

Mitten im Stück verlässt Marinoni kurz die Bühne.

„T’es où là?“

(Wo bist du?)

Ein Duo?

Die Sprache von “In Difference” ist eine doppelt nahbare. Nicht nur helfen jene kurzen Momente der verbalen Kommunikation dabei, sich den Performer*innen verbunden zu fühlen, auch die Zirkustechnik als solche ist angenehm zugänglich. Und das aus einem einfachen Grund: Sie ist aufregend und neu. Dieses Gefühl überträgt sich bereits, als Jef Everaert zu Beginn des Stücks auf die Bühne rollt, sich rollt, gerollt wird. Wer hier wen bewegt, wo Mensch aufhört, und Rad anfängt – all das ist unklar. Schon dieser erste Moment macht deutlich, dass das Cyr Wheel den Performer*innen ebenbürtig ist und eine gleichberechtigte Rolle einnimmt. Und das bleibt so bis zum eindrucksvollen, allerletzten Augenblick.

Danach: Applaus für alle drei. Sie schwitzen, sie lächeln, sie lassen sich feiern und gehen, ohne sich eine Minute Pause zu gönnen, von der Bühne direkt an den Tisch mit Plakaten und Postkarten. Und während man an den beiden vorbei Richtung Ausgang geht, fragt man sich: Wie schwer ist eigentlich so ein Cyr Wheel?

Cookie Hinweis

Zur Webseite gehören wesentliche Cookies, die für den Betrieb der Website, für Komfort-Einstellungen oder für die Anzeige personalisierter Inhalte notwendig sind. Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass je nach Ihren Einstellungen möglicherweise nicht alle Funktionen der Website verfügbar sind.

Cookie Hinweis

Zur Webseite gehören wesentliche Cookies, die für den Betrieb der Website, für Komfort-Einstellungen oder für die Anzeige personalisierter Inhalte notwendig sind. Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass je nach Ihren Einstellungen möglicherweise nicht alle Funktionen der Website verfügbar sind.

Deine Einstellungen wurden gespeichert.