Editorial

Liebe Leser*innen, liebe Künstler*innen, liebe Denker*innen, liebe Interessierte, liebes Publikum,

wir leben seit mehr als einem Jahr unter pandemischen Bedingungen, nun ist nichtsdestotrotz der Frühling da und wir dürfen mit großer Freude dieses Heft präsentieren, das anlässlich der bevorstehenden zweiten Ausgabe des CircusDanceFestivals erscheint. Das junge Kölner Festival kann im Zusammenhang mit einer größeren Bewegung gesehen werden, die das Zirkusschaffen im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren geprägt hat: Zirkuskünstler*innen vernetzten sich, lancierten gemeinsam Initiativen, gründeten Zirkusfestivals, suchten Kooperationen mit bestehenden Kulturinstitutionen, machten auf ihre vielfältigen Produktionen aufmerksam und stießen auf viel Zuspruch seitens des Publikums. Nichtsdestotrotz erfahren die Zirkuskünste in Deutschland bisher wenig öffentliche und staatliche Anerkennung. Zirkus gilt weiterhin meist als Gewerbe und anders als Theater oder Tanz nicht als Kultur. Diese historisch gewachsene, rechtliche Unterscheidung hatte für die Zirkusschaffenden einen über viele Jahre und bis heute währenden Ausschluss aus der Kulturförderung zur Folge. Da die kulturpolitische und damit auch die finanzielle Unterstützung für diesen Bereich noch gering ist, bestehen strukturelle Schwächen und ein starkes Ungleichgewicht gegenüber anderen Kulturfeldern sowie gegenüber der Stellung von Zirkus in anderen europäischen Ländern. Auch im Denken, Sprechen und Schreiben über Zirkus hat sich diese Bewertung abgelagert und ist bis heute präsent.

Möchte man sich der theoretischen Reflektion des Zirkusschaffens widmen, stößt man vor allem auf eine große Lücke: Es gibt wenige (aktuelle) deutschsprachige Texte, kaum akademische Forschungsliteratur und auch Rezensionen von Zirkusinszenierungen im Feuilleton haben großen Seltenheitswert. Das Schreiben über Zirkus sowohl seitens der journalistischen wie auch theoretischen Analyse als auch von Seite der Zirkuskünstler*innen selbst zeichnet sich hierzulande vor allem durch seine Abwesenheit aus. Dies ist auch auf den Mangel an entsprechenden Rahmenbedingungen zurückzuführen, die den dafür notwendigen Austausch und das gemeinsame Nachdenken über Konzepte, Begriffe und Themen ermöglichen.

Mit der zweiten Ausgabe der „Voices“ möchten wir diesem Rede-, Denk- und Austauschbedarf Rechnung tragen. Wir möchten Einblicke in verschiedene Schreib- und Lesarten von Inszenierungen und Zirkusbegrifflichkeiten geben. Und wir möchten mit Fragen sowie verschiedenen Positionen von Zirkusschaffenden zum Dialog und zum Nachdenken anregen. Dreh- und Angelpunkt bildet dabei das weite Feld der dramaturgischen Praxis. Damit ist Dramaturgie als „Architektur der Handlung“ oder „Ins-Werk-Setzen von Aktion“ gemeint. Aber auch Dramaturgie als Form des körperbasierten „Schreibens“, im Sinne des Kreierens und des Forschens innerhalb von künstlerischen Prozessen. Und wir verstehen auch das Nachdenken über und das Befragen der Zirkuspraxis als dramaturgische Tätigkeit.

Das vorliegende Heft mit dem Titel „Re-Writing Circus“ begleitet das gleichnamige Symposium, das, initiiert vom CircusDanceFestival, in Köln am 20. und 21. Mai 2021 stattfindet. Auf den folgenden Seiten sind verschiedene Perspektiven auf das Schreiben, Denken und Sprechen im und über Zirkus versammelt. Es sind Perspektiven aus Belgien, Deutschland, Frankreich und Kanada, die wir in diesem Heft erstmals in deutscher Übersetzung zugänglich machen können. Darunter ein Text der französischen Autorin und Dramaturgin Barbara Métais-Chastanier, Gedanken der Herausgeber*innen des jungen Buchs Thinking Through Circus, Anregungen der kanadischen Künstlerin und Denkerin Angélique Willkie, Überlegungen des französischen Zirkustheoretikers Jean-Michel Guy zu den vielschichtigen Beziehungen zwischen Tanz und Zirkus, sowie vierzig Fragen der deutschen Zirkuswissenschaftlerin Franziska Trapp. Mit der Formulierung von allgemeinen wie auch spezifischen, rhetorischen wie auch provokanten Fragen beleuchtet Trapp ihre Forschungsansätze zur Analyse von zeitgenössischen Zirkusstücken. Nicht nur Franziska Trapp, sondern auch Barbara Métais-Chastanier gibt uns Fragen mit auf den Weg. Ein aktuelles Interview ergänzt ihren Text von 2012 zur Dramaturgie im zeitgenössischen Zirkus. Darin sprechen wir mit ihr unter anderem über die Konsequenzen der Legitimierungs- und Institutionalisierungsprozesse im Bereich des zeitgenössischen Zirkus, an deren Anfang wir uns im deutschsprachigen Raum befinden. Auch ihre (selbst-)kritische Reflektion über die oftmals viel zu pauschalisierenden theoretischen Analysen der heterogenen, einzigartigen Praxiserfahrungen teilt die Dramaturgin mit uns. So stellt sich bei all diesen Texten die Frage: Wie also über und mit Zirkus schreiben? Impulse dazu finden sich in dem Beitrag von Bauke Lievens, Quintijn Ketels, Sebastian Kann und Vincent Focquet, den Herausgeber*innen des 2020 in Belgien erschienen Buchs Thinking Through Circus. Sie hinterfragen das verallgemeinernde Schreiben aus einer (vermeintlich) neutralen oder objektiven Perspektive und verstehen den Zirkus als körperbasierte Denkpraxis, bei der physisches und geistiges Tätigsein untrennbar miteinander verflochten sind. Auch bei Angélique Willkie steht der Körper im Zentrum des Denkens und Arbeitens. Sie versteht den Performer*innen-Körper als Abbild und Schnittstelle vielfältiger, individueller und sich überschneidender Geschichten. Und auch ihr Text gibt uns eine, wie uns scheint zentrale Frage mit: Muss der Zirkus – wenn er sich mit dem Adjektiv „zeitgenössisch“ versehen will – nicht unsere postkoloniale Migrationsgesellschaft widerspiegeln, in der er sich entwickelt?

Konkrete Beobachtungen aus französischer Perspektive teilt Jean-Michel Guy in seinem Text, den er anlässlich der ersten Ausgabe des CircusDanceFestivals im Mai 2020 verfasst hatte. Seine auf zahlreichen Inszenierungsbeispielen basierende Typologie der Beziehungen zwischen Tanz und Zirkus verdeutlicht sehr anschaulich, wie sich die beiden Felder gegenseitig beeinflussen und befruchten. Gerade diese Wechselwirkungen sind Vision und Ausgangspunkt des neuen CircusDanceFestivals in Köln. So finden sich spannende Überschneidungen zwischen den hier versammelten Texten und dem diesjährigen Festivalprogramm. Nicht nur in den live gestreamten internationalen Produktionen zeigt sich zeitgenössischer Zirkus in Aktion, auch eine vierteilige Reihe von Dokumentarfilmen sowie zwei ARTE Filmabende eröffnen sehr persönliche Einblicke in Forschungs- und Probenprozesse ausgewählter Zirkuskünstler*innen und Ensembles.


Wir wünschen eine gute Lektüre und hoffen, dass diese zu Gesprächen, Gedanken und Forschungen sowie weiteren Texten anregt. Lasst uns an und mit dem Zirkus weiterschreiben!

Tim Behren, Mirjam Hildbrand und Jenny Patschovsky

Köln, 26. April 2021

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