Ein Spiel namens „Networking“
von Swantje Kawecki
Lass uns ein Spiel spielen, nennen wir es „Networking“. Das Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich kennenzulernen. Aber nicht irgendwelche Menschen – sondern die wichtigen. Woher weißt du, wer wichtig ist? Nun, das musst du selbst herausfinden. Es hängt auch stark davon ab, was du willst.
Als Künstler*in musst du zum Beispiel Bühnen finden, um deine Arbeit zu zeigen. Um deine Arbeit zeigen zu können, brauchst du Geld, um sie überhaupt erstmal zu schaffen und einen Arbeitsraum. Du musst an sogenannten Residenzen teilnehmen, und du brauchst Menschen, mit denen du zusammenarbeiten möchtest. Eigentlich ist es wahrscheinlich am besten, mit den Menschen anzufangen. Es sollte grßartig sein, mit ihnen Zeit zu verbringen, so inspirierend, dass sie deine künstlerische Idee bereichern, und am besten solltest du auch außerhalb der Arbeit Zeit mit ihnen verbringen wollen, denn vielleicht bist du ja bald mit ihnen auf Tour.
Dann natürlich die Residenzen. Eine Residenz ist die Bezeichnung für den Zeitraum, in dem du dich mit deiner Gruppe versammelst, um an deinem Thema zu forschen. Oder deinet Idee oder worum auch immer es in der Performance gehen soll. Du solltest also besser herausfinden, wer einen Raum für dich zum Proben hat. Aber Vorsicht: Du musst auch klären, ob du dafür bezahlen musst, ob Unterkunfts- oder Reisekosten übernommen werden.
Sobald du ein Team, einen Arbeitsraum und eine Performance hast, die du verkaufen kannst, musst du Veranstaltungsorte finden, an denen du auftreten kannst. Natürlich ist es einfacher, dein Werk an Leute zu verkaufen, die es schon gesehen haben. Du hattest noch keine Premiere? Nun, dann musst du jemanden finden, der dir einen Vertrauensvorschuss gewährt.
Ach, und ich habe ganz vergessen zu erwähnen: Es wäre toll, wenn du alle Beteiligten bezahlen könntest, dich selbst eingeschlossen. Falls es dein erstes Stück nach dem Abschluss ist, sei darauf vorbereitet, umsonst zu arbeiten, Leute um Gefallen zu bitten oder deine Freunde anzusprechen, die sich vielleicht in derselben prekären Lage befinden. Vielleicht wollen sie ja ein vielversprechendes Projekt mit dir starten? Sobald du auf Tour bist, verdienst du zumindest etwas Geld. Bis dahin musst du vielleicht einen Nebenjob annehmen oder bei Varieté-Shows oder ähnlichen Veranstaltungen arbeiten, bei denen tatsächlich etwas Geld zu verdienen ist, um den Start deiner Karriere als Zirkuskünstler*in zu finanzieren.
So weit, so gut. Wenn du nun so weit bist und damit beschäftigt bist, Leute zu finden, die deine Vorstellung kaufen, sei darauf vorbereitet, dass sie nach Stücken suchen, die einfach zu inszenieren sind. Nicht zu viel Aufwand, anpassbar an verschiedene Veranstaltungsorte, Böden, Klimas, Publikumsgruppen und natürlich muss dein Stück einen ganzen Abend füllen – also sollte es besser mindestens 50 Minuten lang sein. Und vor allem: Erzähl ihnen, warum du deine ganze Zeit in diese Arbeit steckst, warum du denkst, dass deine Arbeit so viel einzigartiger, wichtiger und besonderer ist als die aller anderen. Oh, und hebe hervor, was sie gerade jetzt für die Gesellschaft so relevant macht. Das ist absolut entscheidend.
Ich meine, solltest nicht gerade du als Künstler*in die Person sein, die das Publikum so konfrontiert, dass alle ihr Handeln ändern, sobald sie deine Verstellung gesehen haben? Damit sie hinausgehen und den Planeten retten, ihr geschlechtsdiskriminierendes Verhalten hinterfragen, sich gegen die Tech-Industrie auflehnen, an Antikriegsdemonstrationen teilnehmen und alle Menschen in ihrer Umgebung mit Respekt behandeln, ungeachtet von deren Herkunft, Religion, Hautfarbe, sozialer Schicht oder Geschlecht.
Wie kann man dieses Spiel gewinnen? Nun, die bessere Frage wäre: Kann es überhaupt gewonnen werden? Und zu welchem Preis? Vielleicht sollten wir uns lieber fragen, wie wir das Spiel verändern können. Die Bedingungen dieses Spiels.
Aber bis dahin: Keine Sorge, du bist nicht allein. Uns geht es allen genauso, daher hier einige der Ängste (und Tricks), die Menschen in Bezug auf das Spiel namens Networking haben:
Anmerkung: Die Audio ist nur in englischer Sprache verfügbar.
