Einladung verloren gegangen?
von Swantje Kawecki
Ich stöbere durch das Programm, schaue mir Trailer an, lese Beschreibungen. Plötzlich stoße ich auf das Angebot einer Audiodeskription beim Stück „Stickman“ von Darragh McLoughlin. Audiodeskription kenne ich eigentlich nur aus dem zeitgenössischen Tanz. Dabei geht es nicht nur um die sprachliche Begleitung des Bühnengeschehens während des Stücks. Zum Teil gibt es auch Tastführungen am Anfang, bei denen Personen eine taktile Verbindung zu den Objekten auf der Bühne und den Materialien der Kostüme entwickeln können. Jetzt also das erste Mal im Zirkuskontext beim CircusDanceFestival: eine Einladung des zeitgenössischen Zirkus, Visuelles einzufangen, Personen mitzudenken, die performative Kunst nicht auf der offensichtlichen Ebene erleben können. Oder kann es vielleicht sogar eine weitere Erfahrungsebene für das Publikum mitgedacht werden?
Ich war auf jeden Fall neugierig auf die Verbindung mit Zirkus: Wird das Stück wiedergeben, poetisch interpretiert, beschrieben? Denn während es in klassischen Ansätzen von Audiodeskriptionen darum geht, das Geschehen zu beschreiben, um eine vermeintliche Lücke zu schließen, gibt es bereits kreativere und zugleich ganzheitlichere Alternativen. Hierbei geht es nicht um eine Eins-zu-eins-Übersetzung davon, was auf der Bühne passiert – das kann es ohnehin nicht geben. Vielmehr wird die Audiodeskription selbst zu einem eigenständigen ästhetischen Mittel mit integrierter Dramaturgie. Denn alle Personen im Raum werden eine Aufführung ja sowieso unterschiedlich wahrnehmen.
Einige Tage vor der Vorstellung wurde dann verkündet: Die geplante Audiodeskription ist abgesagt, weil sich niemand dafür angemeldet hat. Die Frage ist: Warum? Steht Zirkus zu sehr für das visuelle Erleben, als dass sich blinde und sehbehinderte Menschen dafür interessieren? Denken viele vielleicht, Zirkus wäre sowieso nicht für sie gemacht? Braucht es vielleicht in Zukunft mehr gezielte Kontaktaufnahmen mit Vereinen, Institutionen, Betroffenen-Gruppen, um diese gezielt einzuladen und zu zeigen: Es gibt diese Möglichkeiten? Sollten Künstler*innen vielleicht sogar eine Form der Audiodeskription oder Form der Blindendramaturgie direkt in ihre Arbeiten miteinarbeiten?
Am Abend der Festival-Eröffnung sitze ich dennoch in die Aufführung von Darragh McLoughlin - und direkt hinter mir sitzt ironischerweise eine blinde oder sehbehinderte Person. Ich höre, wie sie darüber sprechen, dass sie die Information zur Anmeldung wohl übersehen haben. Also gibt die Begleitperson eine spontane Live-Beschreibung. Das heißt, ein Learning für nächstes Jahr könnte sein: das Angebot (und die Anmeldung) offensichtlicher auf der Website promoten und aktiv Kontakt zur Zielgruppe suchen. Dann gibt es vielleicht im nächsten Jahr einige Anmeldungen.
