Kaffee und Kaffee von Lukas Arndt

Kaffee und Kaffee

von Lukas Arndt

Die Hitze lässt allmählich nach. Der Abend hat den Tag endgültig abgelöst. Die Schatten auf dem Festivalgelände werden länger. Sonntagabend 21:15, Filmnacht im Kinozelt.

Als letzter Programmpunkt des Tages markiert der zweite Kurzfilmabend das Ende des CircusDanceFestivals auf dem Gelände des Latibul. Eine wehmütige Stimmung liegt zwischen den Pappelpollen.

Die Besucher*innen setzen Kopfhörer auf und nehmen auf den, zu luftigen Reihen gestellten, Stühlen Platz. Keine Kinosessel, kein Popcorn, dafür eine große Leinwand unter der hohen Decke der Zeltkuppel. In der kurzen Anmoderation stellen Heike Diehm und Valentina Barone den Fokus der heutigen Filmnacht vor: Vier von sieben Kurzfilmen kommen aus Finnland. Und irgendwie passt das zu diesem letzten Abend.

Die Kraft der Wiederholung

Da sind zum Beispiel Hugo und Arsi. „Lähde“ (Fontäne) folgt ihrer Entwicklung über 12 Jahre hinweg. Wieder und wieder derselbe Bildausschnitt. Arsi, zu Beginn elf Jahre, jongliert auf einer Brücke vier rote Bälle. Hugo, zu Beginn ein Baby, durchquert anfangs tapsend, später rennend das Bild. Aus dem Off berichten die Stimmen der beiden in kurzen Sätzen von ihrem Leben in Helsinki.

Das titelgebende Jonglagemuster, „Fontäne“, und die Brücke als Schwellenort sind dabei die einzige Symbolik, die sich diese kurze Coming-Of-Age-Dokumentation erlaubt. Ansonsten: Ruhe und Wiederholung. Das ist immer wieder überraschend witzig, aber auch ein Spiel mit der Langeweile. Im Hintergrund die Stadt, der Wald, die Ostsee, Scheißwetter.

Ein Beispiel: Arsi jongliert, er ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht 19. Lange sieht man ihm nur beim Jonglieren zu. Hugo, etwa 8, durchquert das Bild. Jonglieren, Stille, weiter jonglieren. Irgendwann aus dem Off: „Of course I could be better, but that’s OK.”

Noch ein Beispiel: Arsi jongliert, er ist zu diesem Zeitpunkt etwa 20. Lange sagt er nichts, dann: „Well.“

Keine Miene verziehen

„Affairs of the cities“ der Nuua Company arbeitet gänzlich anders, bedient sich jedoch derselben Lakonie und Schlichtheit. Etwa zehn pastell-formell gekleidete Menschen sitzen in einer Reihe an einem langen Kaffeetisch. Die Farbtemperatur ist kühl, die Kaffeetassen erst leer, dann voll, aber das macht irgendwie keinen Unterschied. In einer fein und beeindruckend choreographierten Abfolge werden sie hin und her geschoben, geworfen, abgestellt. Dass sich der Zweck dieser Prozedur nicht erschließt, scheint Zweck dieser Prozedur zu sein. Eine spielerische Persiflage darauf, wie umständlich Bürokratie und politische Entscheidungsfindung sind. Hauptsache, nach außen hin wirkt alles seriös, Hauptsache beim Kleckern keine Miene verziehen.

Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch der Welt

Im Schnitt trinken die Menschen in Finnland vier Tassen pro Tag. Es geht also wieder um Kaffee, aber diesmal ganz anders. „Nitro“ des Kallo Collective zeigt den Gipfel des finnischen Kaffeekonsums und vielleicht auch den Gipfel des finnischen Humors. Mit einer großen Liebe für Outsider und einem untrüglichen Gespür für weirden Style folgt der Kurzfilm drei eigensinnig clownesken Gestalten auf Reisen, bei ihrer Mission zur ersten Tasse des Tages. Die Suche nach einer Steckdose für die elektrische Kochplatte, die Freude darüber, eine gefunden zu haben, und die anschließende Koffeinekstase machen „Nitro“ zu Roadmovie, Drogenfilm und Komödie in einem.

Stille und Graustich

„Vertical Feeling“ von Jenny Mansikkasalo ist der letzte und verschlossenste der vier finnischen Filme dieses Abends. Wie schreibt sich das Aufwachsen mit dem Vertikaltuch in den Körper ein? Wie verändert es ihn, wie verändert es das Denken? Wie schon „Lähde“ und „Affairs of the cities“ auf ihre Art lebt auch „Vertical Feeling“ von Stille und einem Graustich. Fernab von Narration, irgendwo zwischen traurig und unerschrocken, Traum- und Wachzustand hängen wir mit der Protagonistin von der Decke. Das ist visuell so eingängig und berührend, dass man beinah glaubt, das Tuch auf der eigenen Haut zu spüren. Aber eben nur beinah.

Und so geht es zu Ende. Das Publikum hat gelacht, eine Träne verdrückt, ist wach geblieben. Es ist die Mischung aus Traurigkeit und Humor, die diese Filme zusammenhält. Es ist die stille, unvoreingenommene Liebe zu ihren Figuren, die sie zu einem würdigen Festivalabschluss machen.

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