Risikoreiches Eröffnungsstück
von Thusnelda Marín Jungmann
Dieser Kommentar zum Stück «Damoclès» der Compagnie Inextremiste Circus ist in der Methode des gestrigen Abends verfasst: Provozieren ohne Kompromisse, volles Risiko. Gerade deshalb möchte ich vorab den Kontext offenlegen, auf dem meine Einschätzung basiert. Denn wenn ich im Folgenden zuspitze und urteile, dann nicht aus der Distanz, sondern aus einer konkreten Erfahrung heraus – als Teil eines Publikums, das selbst zum Gegenstand der Inszenierung wurde.
Ein Mann, viel Holz; ein gespaltenes Publikum. Das Stück polarisiert. Das will es. Und das schafft es auch. Im Zentrum steht die Frage nach Verantwortung. Im Fokus: das Publikum. Ebenso im Fokus: Fabrice Dominici, Teil der Compagnie. In der Rolle eines sichtbar mittelalten, weißen Mannes – mit all seiner toxischen Männlichkeit, die er authentisch verkörpert – provoziert er dazu, auf die Bühne zu kommen, ihm zu helfen. Bei was? Schwere Holzbalken verrücken, halten, um am Ende eine instabile Konstruktion herzustellen. Am Morgen danach wird bei Kaffee auf dem Festivalgelände sowohl geschwärmt als auch Gemüter beruhigt. Gespräche werden zu Nachsorge; es hat schon fast etwas von Wunden lecken. Risiko eben.
Natürlich bergen Begegnungen immer ein Risiko. Doch hier wird das Risiko nicht nur in Kauf genommen, sondern gezielt provoziert. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Liegt radikales Risiko heute nicht längst woanders? Nicht zufällig erscheinen derzeit zahlreiche Publikationen zur radikalen Zärtlichkeit. Und gerade vor diesem Hintergrund irritiert und schockiert mich, was auf der Bühne geschieht: Wie kann es im Jahr 2026 sein, dass ein Mann mit einer solchen Selbstverständlichkeit den (Theater-)Raum einnimmt, eine weiblich gelesene Person aus dem Publikum – natürlich konzeptuell beabsichtigt – wiederholt falsch anspricht, sie zum Objekt degradiert, sie als Jackenständer benutzt und später als etwas Animalisches beschimpft? Wenn ich das sehen will, stelle ich mich vor meine Haustür. Dort begegnet mir diese Realität täglich – ohne Eintritt dafür zu bezahlen. Diese Form von Kunst ist nicht mehr radikal. Sie ist nicht risikoreich. Sie ist menschenverachtend.
Ich frage mich: Wo ist in diesem Moment das Awareness-Team?
Ich frage mich: Wie kann eine künstlerische Leitung – unter dem Motto «Come closer» – ein solches Eröffnungsstück programmieren und damit den Ton für ein gesamtes Festival setzen?
Mein Handeln gestern Abend war zunächst das einer Privatperson: Ich habe aus dem Publikumsraum der ausgewählten und vorgeführten Person Hilfe angeboten. Tatsächlich vergaß ich für einen Moment die Rahmung: Es fühlte sich an als würde ich einer fremden Person auf offener Straße in einer nicht eindeutig lesbaren Situation Sicherheit in Form von Kompliz*innenschaft anbieten. Sie bejahte, wir hielten uns kurzzeitig an der Hand. Als sich das Verhalten von Dominici – beziehungsweise seiner Bühnenfigur – nicht änderte, habe ich den Raum verlassen. Nicht aus Überforderung, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus, diese Form von Umgang nicht zu unterstützen. Nun formuliere ich meinen Kommentar als Kulturjournalist*in – im Stil der Show selbst: zugespitzt, widersprüchlich, risikobereit. Ich sage es klar und ohne Relativierung: Ich finde, solche Arbeiten haben auf der Bühne nichts mehr zu suchen.
Und doch gerate ich ins Schwanken. Denn zugleich erkenne ich eine künstlerische Qualität darin, Zeitgenössischen Zirkus nicht lediglich als leichte Unterhaltung zu verstehen, sondern unter dem Deckmantel von Entertainment, komplexe Themen zu verhandeln und das Publikum herauszufordern, füreinander einzustehen. Sollte das Konzept darin bestehen, ein widerständiges Publikum zu formen, dann lassen sich diese radikalen Methoden durchaus in eine Traditionslinie stellen, die bis in die Performance- und Kunstszenen der 1980er Jahre zurückreicht. Wenn wir Scheitern als produktiv denken wollen, stellt sich eine unbequeme Frage: Ist dieses Stück gescheitert – oder eben wir, weil wir uns nicht widersetzt haben?
Am Ende, habe ich gehört, laufen mehrere Menschen Hand in Hand über die fragile gemeinsam errichtete Holzkonstruktion. Ein Moment der Kollektivität, der berührt. Und ich merke, wie meine eigene Härte brüchig wird. Mist. Also zurück zur Setzung: Wenn Fabrice Dominici beim Schlussapplaus behauptet, dass es solche Stücke gerade jetzt brauche, halte ich dagegen. Ich plädiere für das Gegenteil: Genau solche Stücke braucht es nicht mehr.
Aber vermutlich ist genau das Teil der Provokation. Vielleicht ist dieser Satz weniger Behauptung als vielmehr Einladung: die eigene Position zu überprüfen, Widerspruch zu formulieren, Verantwortung zu übernehmen. Denn aus meiner Perspektive liegt eine zeitgenössische Form von Radikalität nicht in der bloßen Zuspitzung von Grenzüberschreitungen, sondern in der Bereitschaft, Mehrstimmigkeit zuzulassen – und sie auszuhalten. Dieser Kommentar folgt genau diesem Anspruch: Er bleibt nicht bei einer Stimme.
Ihm ist eine Audiospur angehängt, die in ein intimes Nachgespräch von Festivalbesucher*innen hineinführt. Ergänzt wird sie durch ein Gespräch zwischen Fabrice Dominici und mir, das unterschiedliche Perspektiven auf Risiko im zeitgenössischen Zirkus freilegt. Darüber hinaus lade ich die Leser*innen dieses Textes ausdrücklich zur schriftlichen Reaktion ein. Und erneut: weniger als Provokation, sondern als Einladung verstanden –innezuhalten, den Stift zu zücken, Stellung zu beziehen, das eigene Verständnis von zeitgenössischem Zirkus zu befragen und als Leser*innenbrief an unsere Redaktion (thusnelda.marin.jungmann@posteo.de) der Schreibwerkstatt zu senden.
Also:
Liebes Team der Compagnie Inextremiste Circus, lieber Tim Behren, liebes Publikum –
mal ehrlich: Warum braucht es solche Arbeiten heute noch?
