Stickman, Manstick, Men von Lukas Arndt

Stickman, Manstick, Men

von Lukas Arndt

Ein Mann führt einen Stock spazieren. Ein Stock führt einen Mann spazieren. Zumindest behauptet das der Fernseher, der hinter den beiden steht und das Bühnengeschehen in weißer Schrift auf schwarzem Grund live kommentiert. Mal auf dem Fuß, mal in der Armbeuge balanciert Darragh McLoughlin, irischer Konzeptkünstler und Artist, einen Stock über die Bühne.

Was als spielerische und lose Aneinanderreihung kurzer Szenen beginnt, entwickelt schnell einen starken Sog. Die Komposition von Mann und Stock, Stock und Mann ist minimalistisch und vermag es dennoch, das Publikum mühelos in kürzester Zeit durch verschiedenste Bildwelten zu führen. Unter Anleitung des Fernsehers sieht man Aliens, die den Bauchraum durchwühlen, Bettler und Priester, ein Schiff auf hoher See. Selbst die Frage, ob dieselben Bilder auch ohne Hinweis des Fernsehers entstanden wären, stellt man sich erst, als der Fernseher sie stellt. Spätestens an dem Punkt taucht die Frage auf, ob dem Fernseher zu vertrauen ist. Und als wäre das nicht genug, fragt der Fernseher das Publikum, nachdem der Mann die Bühne für einen kurzen Moment alleine dem Stock überlässt: „Do you trust man?“

Do you trust man?

Der zeitgenössische Zirkus durchläuft eine Entwicklung, die man Objektkrise nennen könnte. Dabei geht es um die Neuverhandlung der Kräfteverteilung zwischen Kontrolle und Freiheit, Herrschaft und Selbstbestimmung. Stickman spricht diese Debatte direkt an und dient umgekehrt immer wieder als Referenz für diesen neuen Umgang mit Objekten im Zirkus.

In der Objektmanipulation (Jonglage) gibt und gab es lange eine klare Aufteilung zwischen Subjekt und Objekt, dominierender und dominierter Rolle; viele Stücke wollen diese binäre Rollenverteilung mittlerweile durchbrechen. Statt zu zeigen, wie virtuos und meisterlich Objekte und andere Körper beherrscht werden können, fragen die Stücke eher, welche Auswirkung die Dinge, Objekte und andere Körper, auf uns haben können. Darragh McLoughlins Arbeitspraxis basiert auf Objektmanipulation. Und Manipulation ist im Kontext des Stücks ein entscheidender Begriff.

Ein perfektes Stück?

Stickman ist in vielerlei Hinsicht ein perfektes Stück. Technisch, dramaturgisch, humoristisch und visuell auf höchstem Niveau wird nichts dem Zufall überlassen. Und das ist eigentlich kein Problem.

McLoughlin bedient sich mit dem Balancieren einer Unterkategorie der Objektmanipulation, die das gleichberechtigte, sich gegenseitig beeinflussende Verhältnis zwischen Objekt und Körper besonders stark betont. Franziska Trapp erläutert dazu: „Im zeitgenössischen Zirkus sind wir in diesem Zusammenhang mit dem Paradox konfrontiert, dass die Beherrschung der Apparaturen die Voraussetzung ist, um eben jene Beherrschung zu problematisieren.“

Die Annäherung an dieses Thema passiert in Stickman vor allem auf einer inhaltlichen und oberflächlichen Ebene. Denn anstelle von Offenheit, Chaos und einer Langsamkeit, die eigenes Denken ermöglicht, arbeitet das Stück mit einem hohen Maß an Kontrolle, Planung und immer wieder gezielter Beeinflussung. Die Gleichberechtigung, auch in Bezug auf das Publikum, ist hier nur eine vordergründige. Und so bleiben die kurzweiligen 45 Minuten als ein handwerklich perfektes Zirkusstück im Kopf, nicht jedoch wegen seines subversiven Potentials. Denn Manipulation wird in Stickman großgeschrieben, was dem Stück an der entscheidenden Stelle die revolutionäre Kraft nimmt, die es durchaus haben könnte.

Das Zirkusstück als Tragetasche

Außerdem spricht das Stück bei genauerem Hinsehen nicht nur statt einer posthumanistischen Sprache eine menschliche, es ist auch eine eindeutig männliche Sprache. Eine Sprache, die auf drastische gewaltvolle Momente nicht verzichten will.

Und so stellt sich die Frage, wo bleibt die Zärtlichkeit? In ihrem Essay „Die Tragetaschentheorie der Fiktion“ plädiert Ursula K. Le Guin dafür, Geschichten nicht mehr als lineare, oftmals kämpferische, Heldengeschichten sondern als offene Tragetaschen zu betrachten, die die unterschiedlichsten Dinge miteinander verbinden.

Sie argumentiert: Nicht der tötende Speer, sondern der Beutel war die erste menschliche Erfindung. Zwar geht Le Guin in ihrem Text vom Roman aus, aber warum nicht Zirkusstücke mit Literatur vergleichen? Stickman arbeitet narrativ und dramaturgisch auf derart hohem Niveau, dass es diesen Vergleich aushalten kann.

Es ist bezeichnend, dass der überraschendste, aufregendste und berührendste Moment an diesem Abend, sein einziger Zufall ist und nicht Teil der minutiös geplanten Inszenierung: Ein vom Kölner Karneval übriggebliebener Herzballon, der zum denkbar (un)passendsten Moment beginnt, über die Bühne zu schweben. Langsam und mit einer verblüffenden Eigenständigkeit bewegt der Ballon sich auf Mann und Stock zu und selbst der Fernseher bleibt sprachlos.

Da ist das Chaos, da ist die Zärtlichkeit.

„Do we trust man?“, fragt also der Fernseher und bleibt nicht nur deshalb neben dem Herzballon als interessanteste Figur aus dem Stück im Gedächtnis. Vielleicht sollten wir nicht nur dem Mann, sondern stattdessen auch auf Spontanität, Offenheit und Durchlässigkeit vertrauen.

An dieser Stelle übernimmt der Laptop die Führung, um eine letzte Frage zu stellen und sie selbst zu beantworten: Muss der Zirkus in Zukunft mehr über sprechende Maschinen nachdenken?

Wir kommen wahrscheinlich nicht drumherum.

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