Zeitgenössischer Zirkus mit Hand und Fuß von Thusnelda Marín Jungmann

Zeitgenössischer Zirkus mit Hand und Fuß
von Thusnelda Marín Jungmann

Fuß an Fuß an der Tischtennisplatte im Bürgerpark in Kalk. Hand in Hand an der U-Bahn-Haltestelle am Heumarkt. Das «CircusDanceFestival» ist eröffnet – quasi. Das «City Pop-up»-Programm fungiert als Amuse-Gueule für das Festival, bevor es auf dem Gelände von Latibul in Stadtteil Niehl Einzug erhält. Vorab also ein tastendes Herantreten: an die Stadt, an ihre Menschen, an ihre Routinen. Das Festivalmotto «Come Closer» erweist sich dabei nicht als einseitige Einladung: Nicht nur das Publikum bewegt sich auf Kunst zu – der zeitgenössische Zirkus bewegt sich selbst in die Gesellschaft hinein: zwischen Alltagslärm, gestresste Körper, unterschiedliche Viertel. Nähe entsteht hier nicht als Konzept, sondern als Praxis. Über Berührung. Über geteilte Zeit. Über das Risiko, sich einzulassen. Ohne Worte. Als körperliches Aushandeln von Distanz und Annäherung. Und sofort stellt sich die Frage: How close is too close?

Unbemerkt treten die Performer:innen von 101 concrete in Erscheinung, hinter einem Parkhaus der Arkaden Köln, am Rand des Geschehens. Sie mischen sich unter die Menschen, die sich längst um die Tischtennisplatte versammelt haben – diesen urbanen Begegnungsort, offen für Zufälligkeit. Zunächst greifen Camille Larroque und Stevie Koglin gemeinsam mit dem Publikum Prinzipien aus dem Umfeld auf: Spielplatzlogiken wie Fangen, Bewegung, kindlicher Spaß. Dann wird die Platte zur Bühne eines Spannungsfelds. Jede Bewegung trägt plötzlich ein Risiko, jede Annäherung eine Fallhöhe. Es geht nicht um ein klassisches Pas-de-deux, sondern – wie der Titel verrät – um ein «Entre deux»: ein Aushandeln im Dazwischen. Zwei Seiten, die sich nicht auflösen, sondern sich gegenseitig zu verstehen versuchen.

Eine Pose verdichtet dieses Prinzip: Zwei Körper in einem gespannten Bogen – die Fähigkeit, sich in neue Perspektiven zu verbiegen, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Eben das macht die Arbeit so nahbar. Sie ist zu „101 % konkret“, weil sie an Erinnerungen des Publikums andockt: erster Kuss, Rundlauf, heimliches Rauchen. Und am Ende: Applaus – nicht für spektakuläre Tricks, sondern für eine andere Form von Virtuosität, eine, die Beziehung ernst nimmt, weil sie sie nicht als Harmonie zeigt, sondern als Aushandlung – als Balance zwischen Risiko und Vertrauen. Der anschließende Workshop öffnet diese Erfahrung weiter: selbst machen, selbst spüren. Plötzlich erlebt man alles mit einem kindlichen Blick – ein neues Vermessen der eigenen Position zum Objekt und im Verhältnis zu anderen.

Dazwischen: Mit dem Fahrrad oder Bahn zum nächsten Aufführungsort. Auch das ist Teil der Dramaturgie dieses Auftakts – Bewegung nicht nur auf der Bühne, sondern durch die Stadt, zwischen Orten und Kontexten. Das City Pop-up spiegelt damit eine zentrale Praxis des Festivals: Produktion nicht als abgeschlossener Bühnenprozess, sondern als etwas, das sich durch Kooperationen, spartenübergreifende Förderung und lokale Verankerung entwickelt. Gerade die Zusammenarbeit mit lokalen Künstler:innen und Strukturen, etwa dem Kollektiv UNANiM, zeigt: Nähe entsteht auch auf institutioneller Ebene. Das Festival kommt nicht nur in die Stadt – es arbeitet mit ihr.

Zu der Performance von UNANiM gibt es mehrere Zugänge – ein klassisches Backstage existiert nicht. Wer den Eingang von der U-Bahn-Linie 7 zu «Lower Level» wählt, erhascht einen kurzen Blick hinter die Kulisse: Das Kollektiv schwört sich mit einem High-Five auf sein „System“ ein. Wenige Meter weiter beginnt die Unruhe im Publikum. Statt Reihe 12 Platz 2, keine klaren Regeln – sondern die Suche nach dem richtigen Verhalten, nach einer eigenen Position im Geschehen. Noch bevor man sich orientieren kann, wird man an die Hand genommen. Doch diese Nähe kippt – fast schneller, als das anfängliche Lächeln vergeht – darüber, der Kunst näherzukommen als im Theater. Im Hintergrund rauschende Züge, wodurch die (abführende) Hand-Geste Assoziationen von Deportation weckt. Mitten im Publikum taucht eine Person in Militärkleidung auf: Zufall oder Teil der Inszenierung? Die Grenzen verschwimmen.

Das „System“ Theater zeigt sich hier als ein Gefüge, das seine Regeln nicht offenlegt, sondern subtil durchsetzt. Fast unmerklich wird das Publikum Teil davon – bis einige plötzlich eingepfercht hinter Absperrbändern stehen. Andere bewegen sich frei, schauen zu, greifen nicht ein. Das System organisiert sich selbst: fürsorglich nach innen, wenn Performer:innen sich gegenseitig über Hindernisse helfen; gleichgültig nach außen, gegenüber denen, die ausgeschlossen (oder eingeschlossen) bleiben. Die Rollen sind verteilt, ohne je ausgesprochen worden zu sein. Und während viele zögern, tritt ein Kleinkind vor, öffnet die Absperrung, geht hindurch – und schließt sie wieder. Ein Moment, der die Regeln zugleich unterläuft und bestätigt. Innerhalb der Performance wird «Come Closer» so als propagandistisches Prinzip lesbar: eine vermeintlich freiwillige Annäherung, die sich als perfide Maschinerie entpuppt.

Das City Pop-Up erweist sich damit als kluger Auftakt für das Festival. Es setzt nicht nur ein Motto, sondern macht es körperlich erfahrbar: Come Closer – aber wie nah ist zu nah? Auch das weitere Programm geht diesen Fragen aus unterschiedlichsten Perspektiven nach. Thematische Parcours laden ein, sich den eigenen Weg durch das Festival zu suchen – zwischen Intimität und Distanz, zwischen Kontrolle und Spiel, zwischen Beobachten und Teilnehmen. Dabei rücken auch die Künste selbst näher zusammen: Wie begegnen sich Tanz und Zirkus? Wo entstehen Übergänge, wo Reibungen? Das Festival verspricht keine klaren Grenzen, sondern Bewegungen im Dazwischen – und genau darin liegt sein Reiz.

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